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Slow Food Presidio „Bamberger Hörnla“ – nur noch ein kleiner Schritt (02/2009)

Es war ein langer Weg. Kurz nachdem im Dezember 2005 die alte Kartoffelsorte Bamberger Hörnla als Passagier an Bord der Slow Food Arche des Geschmacks gegangen war, begann Georg Lang vom Slow Food Convivium Hohenlohe-Tauber-Main-Franken Anfang 2006 mit ersten Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung der Kartoffel mit dem erklärten Ziel, ein Slow Food Presidio aufzubauen. Pionierarbeit war zu leisten, denn nur wenige von den damals 14 deutschen Passagieren der Slow Food Arche des Geschmacks hatten diesen Weg ebenfalls eingeschlagen. Ein deutsches Slow Food Presidio gab es noch nicht, und Erfahrungen aus anderen Ländern waren auf die Verhältnisse in Deutschland kaum zu übertragen. Nach drei Jahren erfolgreicher Arbeit des Förderprojektes Bamberger Hörnla ist nun die Anerkennung als Presidio (Förderkreis) der Slow Food Stiftung für die biologische Vielfalt in greifbare Nähe gerückt.

Das Slow Food Presidio – ein Slow Food Förderkreis:
Das weltweite Slow Food Projekt „Arche des Geschmacks“ hat die Aufgabe, die herausragend guten Lebensmittel des kulinarischen Erbes der Regionen dieser Welt , die vom Aussterben bedroht sind, zu katalogisieren und vor dem Vergessen zu bewahren. Die Arche des Geschmacks ist also ein Archiv des Bedrohten. Die Archivierung reicht jedoch zu einem wirksamen Schutz nicht aus, wie die Erfahrung gezeigt hat. Das ebenfalls weltweite „Presidio Projekt“ von Slow Food (presìdio ital. für Schutz) organisiert und unterstützt deshalb aktive Zusammenschlüsse von interessierten Menschen mit dem Ziel, die Arche-Passagiere und andere bedrohte traditionelle lokale oder regionale Lebensmittelproduktionen zu schützen und zu fördern. Es sollen sowohl die jeweiligen Nutztiere, Nutzpflanzen oder Lebensmittel als auch deren Erzeuger eine gesicherte Zukunft haben. Der Status eines Presidio wird nur von der Slow Food Stiftung für die biologische Vielfalt nach einer aufwändigen Prüfung auf der Grundlage eines Presidio-Protokolls verliehen.

Das Förderprojekt Bamberger Hörnla auf dem Weg zum „Presidio“
Die nachweislich über 150 Jahre alte – wahrscheinlich aber noch ältere – fränkische Kartoffelsorte wurde in den letzten Jahrzehnten in ihrem Ursprungsgebiet um den Main zwischen Bamberg und Würzburg nur noch von wenigen Erzeugern angebaut. Um den Anbau der Kartoffel wieder auszuweiten und neue Erzeuger zu gewinnen, musste ein Netzwerk aus Landwirten, Gärtnern, Händlern und Verbrauchern, aus Förderern, Experten und Fachbehörden zum Schutz dieser alten Landsorte geknüpft werden. Der Weg zum Presidio war eingeschlagen, das Ziel der Anerkennung wurde nicht mehr aus den Augen verloren.

Förderkreisinitiative unternimmt Anbauversuch
Es entstand zunächst im Jahre 2006 die „Förderkreisinitiative“, der 7 Erzeuger angehörten. Neben allgemeiner Öffentlichkeitsarbeit und Auftritten auf Messen und Märkten wurde Grundlagenarbeit für die Sortenbestimmung und –Beschreibung geleistet. Im Jahre 2007 überraschten ein Vergleichsanbau verschiedener Herkünfte mit unterschiedlichen Anbaumethoden auf verschieden Böden und die Vergleichsverkostung nach der Ernte mit dem Ergebnis, dass es sich beim Bamberger Hörnla um eine relativ einheitliche Sorte handelt. Bei allen anbaubedingten Unterschieden im Geschmack waren die kennzeichnenden sortentypischen Geschmacksmerkmale deutlich ausgeprägt. Die Untersuchung der Erbanlagen im Labor bestätigte den Befund.

Bayerische Landwirtschaftsverwaltung arbeitet mit
Für die Begleitung und Beratung der Förderkreisinitiative boten sich Fachleute der bayerischen Landwirtschaftsverwaltung aus eigener Initiative an. Mit ihrer Hilfe wurde vieles leichter und manches überhaupt erst möglich. So übernahm die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft die wissenschaftliche Begleitung und Auswertung des Anbauversuches und schuf die Grundlagen für eine Erhaltungszüchtung im fränkischen Ursprungsgebiet. Auch die Anmeldung einer geschützten Herkunftsbezeichnung wäre aus eigener Kraft nicht so schnell auf den Weg gebracht worden.

Förderverein wird gegründet
Der dritte wichtige Schritt wurde im September 2008 getan. Die Förderkreisinitiative konstituierte sich als „Förderverein Bamberger Hörnla in Franken e.V.“ Dem Verein gehören gegenwärtig 15 Erzeuger und 6 Förderer an. Zum Vorsitzenden wurde Landwirt und Slow Food Mitglied Rainer Lesch, Gaukönigshofen, gewählt. Georg Lang ist Koordinator des Förderprojekts und Slow Food Begleiter des Vereins gewählter Beirat im Vereinsvorstand. Vorrangige Aufgaben des Vereins sind die Qualitätssicherung und der Aufbau einer Erhaltungszüchtung Der Verein bildet das Kernstück des Förderprojektes.

Bamberger Hörnla Kartoffel des Jahres 2008
Die Wahl des Bamberger Hörnla im April 2008 zur „Kartoffel des Jahres“ war ein spektakuläres Ereignis, das der Kartoffelsorte bundesweit große Aufmerksamkeit einbrachte. Dieser kräftige Rückenwind verschaffte dem Bamberger Hörnla auch in seiner Heimatregion einen vorher nicht erreichten Bekanntheitsgrad. Gab es früher auf dem Bamberger Wochenmarkt die Bamberger Hörnla nur bei einem einzigen Selbstvermarkter, bietet sie heute fast jeder Markthändler an. Fragt heute einer in Bamberg nach Bamberger Hörnla, schickt ihn niemand mehr wie früher in die Bäckereien zum gleichnamigen Butterhörnla, dem fränkischen Croissant.

Nachhaltige Produktionsmethoden sichern
Zum Abschluss der herbstlichen Genießermessen und –Märkte in Franken, die der Förderverein ausgiebig zur Werbung für sein Spitzenprodukt nutzte, kam dann Mitte November 2008 die Slow Food Stiftung für die biologische Vielfalt nach Bamberg. Die Prüfung der Aktivitäten und Zielsetzungen durch die Stiftung und die Verabschiedung des Presidio-Protokolls durch die Erzeuger des Fördervereins standen auf der Tagesordnung. Im Protokoll fehlte der Stiftung der prüfbare Nachweis nachhaltiger Anbaumethoden und eine Selbstverpflichtung der Erzeuger, diese Methoden auch zu praktizieren. Die Diskussion im Förderverein ist nun in vollem Gange; die einschlägigen Teile des Presidio-Protokolls werden voraussichtlich bis zum Februar 2009 überarbeitet sein.


Verena Veneziano (rechts) vom internationalen Büro von Slow Food und Serena Milano (Mitte) von der Slow Food Stiftung für die biologische Vielfalt im Gespräch mit dem Koordinator des Slow Food Förderprojekts „Bamberger Hörnla“, Georg Lang.
(Foto: Copy right: Slow Food Deutschland, Ezra W. Kurth).





Erhaltungszüchtung in Franken starten

Die gute Zusammenarbeit von Erzeugern und Förderern in Franken und der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising bei München im Rahmen des Förderprojektes hat den Weg für eine Erhaltungszüchtung des Bamberger Hörnla im fränkischen Ursprungsgebiet frei gemacht. Das Ausgangsmaterial dafür wurde dem Förderverein am 10. Dezember 2008 im Versuchsbetrieb für ökologischen Gartenbau in Bamberg übergeben. Damit sind die Zeiten, in denen das Bamberger Hörnla durch ständigen Nachbau mehr schlecht als recht am Leben erhalten wurde, endgültig vorbei. Größere Mengen virusfreier Knollen werden in spätestens drei Jahren zur Verfügung stehen. Der Förderverein hat die Trägerschaft für die Erhaltungszüchtung übernommen, durchgeführt wird sie von Mitgliedsbetrieben des Vereins.


Rainer Lesch (Bildmitte), 1. Vorsitzender des Fördervereins Bamberger Hörnla in Franken e.V. erhält von den beiden Vertretern der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, Dr. Andrea Schwarzfischer und Adolf Kellermann das erste virusfreie Ausgangsmaterial zur Pflanzgutproduktion.
(Foto: Copy right: Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), Freising-Weihenstephan).




Presidio in greifbarer Nähe

Die Anerkennung als Presidio ist für das Förderprojekt sehr wichtig. Sie sichert die permanente Unterstützung durch die ganze Slow Food Organisation, öffnet den Zugang zum Zukunftsmarkt der regionalen Spitzenprodukte und garantiert höchstes Qualitätsniveau nach den Slow Food Kriterien „Gut, Nachhaltig, Fair“. Ein eigenes Qualitätssiegel für Presidio-Produkte erprobt die Stiftung gegenwärtig in Italien und der Schweiz. Mit dem Presidio wäre das Bamberger Hörnla auf der ganzen Welt in bester Gesellschaft. Es würde das zweite deutsche Presidio nach dem Schaumwein aus der Champagner-Bratbirne und das erste in Europa für eine Kartoffelsorte neben den drei Kartoffel-Presidi in Amerika (alte Sorten der Andenregion Quebrada de Humahuaca, Argentinien; Varietäten der Pampacorall-Kartoffel in der Cuszco-Region, Peru; Makah Ozette Kartoffel im Nord-Westen des Bundesstaates Washington, USA).


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