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Göttingen: Der Seelenstreichler

Slow Food-Empfehlung: Die Konditorei Cron & Lanz in Göttingen

Wenn man nach Göttingen kommt, möge man den Regenschirm nicht vergessen, empfahl Heinrich Heine den Lesern seiner Harzreise. Dieser Tipp ist sicher nicht verkehrt, er gilt allerdings für ganz Deutschland. Aber die Empfehlung, auf jeden Fall einen Besuch bei "Cron & Lanz" einzuplanen, gilt exklusiv für Göttingen. In dieser Stadt mit ihren außergewöhnlich vielen Nobelpreisträgern gibt es seit 1876 eine Konditorei mit Café, die in Göttingen schon immer die erste Adresse am Platz war. Dass sie deutschlandweit und darüber hinaus Kunden hat, die sich mit Köstlichkeiten von hier versorgen, liegt an der Qualität der Produkte. Angefixte, ehemalige Göttinger Studenten bestellen hier auch später noch treu ihre Dröhnung.

Seit genau 100 Jahren ist die Familie Grummes Inhaber des süßen Hauses. Der Standort des Cafés und der gesamten Produktion liegt in der Göttinger Innenstadt, an der Haupteinkaufsstraße, keine zwei Minuten vom Alten Rathaus entfernt, mitten in der Fußgängerzone. In einem schönen alten Gebäudekomplex befindet sich ein behagliches Ambiente: Ein großer Raum verbreitet Wiener Charme, die Gartenterrasse bietet ruhige Schattenplätze. Für Leute, die gerne sehen und gesehen werden, stehen vor dem Haus in einem eingegrenzten Geviert Tische auf der Straße.

Qualität fängt mit dem Einkauf der Rohstoffe an. Bei Cron & Lanz kommen keinerlei Fertigprodukte zum Einsatz. Frische Eier und Butter von Produzenten, die zum Teil schon seit Jahrzehnten liefern, bilden die Grundlage einer erstaunlichen Fertigungstiefe. Wo andere Confiserien von Fabriken vorgefertigte Pralinen beziehen und durch finanzielle Beteiligung bei den Lieferanten von der "Herstellung im eigenen Hause" sprechen dürfen, werden die Trüffel und Pralinen bei Cron & Lanz tatsächlich komplett im Hause gefertigt. Die Haltbarkeitsdauer ist zwar kürzer als bei Industrieprodukten, aber innerhalb dieser Frist schmecken sie dafür unvergleichlich besser - ohne Einsatz jeglicher künstlicher Aromastoffe. Verglichen mit vielen Produkten anderer Hersteller sind sie weniger süß, dafür aromatisch und typisch, allerdings manchmal schnell ausverkauft. Und im Hochsommer gibt es nur ein eingeschränktes Programm, denn gegen Hitze ist solche Qualität halt empfindlich. Schön, dass jetzt der Herbst kommt.

Neben dem klassischen Sortiment eines Kaffeehauses gibt es besondere Spezialitäten. Dazu gehört der Baumkuchen, der sich hier in verschiedensten Outfits mundwässernd zum Gipfel windet. Die Melange, ein dunkel-wohliger Mix aus Kaffee und der bekanntermaßen legendären Cron & Lanz-Schokolade, hat inzwischen einen modernen Bruder bekommen. Seit geraumer Zeit steht als neues Getränk der "Schok-Mok", eine Mischung aus Espresso und Schokolade, auf der Karte. Unser Versuch, einen ähnlich betörenden Seelenstreichler zum Beispiel in Italien zu bekommen, ist bisher gescheitert – die Original Grummes-Kreation bleibt einzig. Wer die Richtung mag, muss den Schok-Mok unbedingt probieren!

In Zeiten, in denen Cafés und Konditoreien mehr und mehr zu Verteilerstationen industriell vorgefertigter zuckerbasierter Farb- und Geschmacksstoffträger in Form von Törtchen, Riegeln und Pralinen degenerieren, ist dieses Haus erstaunlich und ermutigend. Hier steht in würdiger Gelassenheit ein Unternehmen, das seit Jahrzehnten unbeirrt Qualität produziert, ohne sich unbedingt an Wachstumsmaximen zu orientieren. Man bleibt man selbst, stabil, nachhaltig, traditionell. Und blickt auch noch optimistisch in die Zukunft. Wie sagte Andreas Grummes: "Wer uns kennen lernt, wird uns treu bleiben".

(Ezra Kurth)

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