Kontakt: Dr. Rupert Ebner
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Von der Betonwüste zum essbaren Schulgarten
Carola Stumpe-Richter aus dem Convivium Dresden berichtete von der Verwandlung einer betonierten Baulücke in einen blühenden Schulgarten. Sie leitet seit mehreren Jahren eine äußerst beliebte Koch AG an der Saydaer Grundschule in Sachsen. Vor ein paar Jahren entstand die Idee, die im Kochkurs benötigten Zutaten zum großen Teil in einem Schulgarten anzupflanzen. In ihrer Kindheit war das Unterrichtsfach „Schulgarten“ von der 1. bis zur 4. Klasse Pflicht, d.h. jede Schule hatte somit auch ihren eigenen Garten. Nach der Wende verschwanden die meisten dieser Gärten, weil die neuen Kultusministerien meinten, so etwas nicht mehr zu benötigen. Ein großer Irrtum, der nun mühsam wieder an vielen Ecken und Enden rückgängig gemacht wird. So auch in Sayda. Mit vollem Einsatz von Kindern, Eltern, der Lehrerschaft und dem Heimatverein wurde der Schulgarten neu angelegt. Heute pflanzen die Kinder streng nach Fruchtfolge. Es gibt von der Kartoffel bis hin zu Minze und Blüten für den hauseigenen Schultee alles was das Gärtnerherz begehrt. Mittlerweile ist der Schulgarten von Sachkunde über Mathematik bis hin zu Kunst in viele Unterrichtsfächer integriert. Alle Grundschüler dürfen einen Teil der Ernte mit nach Hause nehmen. Viele Eltern berichten erstaunt wie begeistert ihre Kinder seitdem Gemüse und Obst zuhause essen. Die Koch AG freut sich über gartenfrische Produkte, trocknet Kräuter und Blüten für den Schultee und verkauft diesen mit großem Erfolg an der Schule. Wer mehr über den Garten und die Koch AG wissen möchte: www.gs-sayda.de und www.mortelmuehle.de
Von der Erde auf den Teller
In Thüringen initiierte Thomas Pohler, Leiter des Conviviums Weimar, unter dem Motto „Von der Erde auf den Teller“ ein Nachhaltigkeitsprojekt, das drei Schulklassen umfasste: eine Vorschul-, eine dritte und eine achte Klasse. Die Projektidee war die vielfältigen Facetten des Essens darzustellen, Beziehungen zur täglichen Nahrung zu stiften, sinnliches Erleben in den Vordergrund zu stellen und ergänzendes Wissen zu vermitteln. Übergeordnetes Ziel ist ein verantwortungsvoller und bewusster Umgang mit Lebensmitteln im Alltag. Nachdem vier regionale Produzenten in den Bereichen Kräuter und Gemüse, Fleisch und Wurst, Brot und Getreide sowie Milch und Käse für das Projekt gewonnen waren, konnte es losgehen. Auftakt waren Workshops und Elternabende, in denen Erzieher und Eltern mit dem Projekt vertraut gemacht wurden. Die Schüler starteten mit einem gemeinsamen Frühstück, das rein aus Produkten der regionalen Produzenten bestand. In den nächsten Wochen machten alle drei Klassen Ausflüge zu den vier kooperierenden Produzenten, um mit ihren eigenen Händen und ihrem Alter entsprechend über die jeweiligen Produkte und ihre Herstellung zu erfahren. Es wurde Brot gebacken, Unkraut gezupft und Ziegenkäse und Bratwurst selbst hergestellt. Der Unterricht griff die einzelnen Themen auf und vertiefte sie. Zum Projektabschluss bereiteten alle Kinder mit den Produkten der kooperierenden Produzenten ein gemeinsames Essen für Familie und Lehrer zu.
Das Slow Mobil München fährt auch 2011 weiter
Unser Slow Mobil aus München war während der Weiterbildung und am Abend immer wieder Gesprächsthema. Viele Teilnehmer aus ganz Deutschland fragten Ritva Peitsara, die seit dem ersten Slow Mobil Einsatz die Kinderkurse im umgebauten Bauwagen leitet, nach ihren Erfahrungen. Die diesjährige Saison endete im Oktober mit rund 130 Schulungen à 8 Kindern im Alter von 6 bis 8 Jahren. Viele Kinderbetreuungseinrichtungen sind mittlerweile „Wiederholungstäter“ und haben sich bereits für die Slow Mobil Tour 2011 angemeldet.
Sinneswahrnehmung ist Selbstwahrnehmung
Beim Sinne- und Sensorik-Training mit Cornelia Ptach aus dem Convivium München stand im Vordergrund wie wichtig bei Kindern die Sinneswahrnehmung für die Selbstwahrnehmung ist. Solche Trainings motivieren Kinder positiv und fördern ihre Essenskompetenz. Cornelia Ptach brachte viele praktische Übungen für die Weiterbildungsteilnehmer mit. Immer wieder erstaunlich wie stark wir vom Geruchssinn gelenkt werden, wenn wir eigentlich „nur“ vom Schmecken sprechen. Der Test für zuhause: ein bisschen Zimt mit Zucker mischen, Testperson die Nase zuhalten und Zimt-Zucker-Gemisch probieren lassen. Erst wenn die Nase wieder frei ist, wird der Zimt erkannt.
Die geschilderten Projekte sind sicherlich nur ein Schlaglicht auf die gesamte Kinder- und Jugendarbeit von Slow Food in Deutschland. Einen gemeinsamen Nenner haben sie immer. Alle spiegeln den Slow Food Leitsatz wider: „education is about pleasure“.
Abends saßen Convivien-Mitglieder aus allen Ecken der Bundesrepublik in einem gemütlichen Lokal in Buchfart und ließen sich Thüringer Spezialitäten schmecken. Dem Wurst-Liebhaber geht in diesem Teil Deutschlands wirklich das Herz auf. Das Bier der kleinen ortsansässigen Brauerei, die die Kursteilnehmer auch besichtigen konnten, war äußerst süffig. Eine Bayerin (Michaela Bogner) und eine eingebürgerte München-Finnin (Ritva Peitsara) ziehen den Hut vor der Thüringer Braukunst.
Bildungsarbeit bei Slow Food Deutschland – Wo wollen wir hin?
Der zweite Tag der Weiterbildung war geprägt von angeregten Diskussionen. Vormittags ging es um die zentrale Frage: Wo wollen wir hin? In Kleingruppen spazierten die Kursteilnehmer in der spätherbstlichen Landschaft und entwarfen erste Ideen. Mehrere Hauptthemen kristallisierten sich heraus: Erster konkreter Schritt soll eine nationale und regionale Bestandsaufnahme sein, was schon alles im Bereich Kinder- und Jugendarbeit in den Convivien passiert. Ziel ist, den Austausch von Erfahrungen und das Lernen voneinander zu intensivieren. Diskutiert wurde die Notwendigkeit einer gemeinsamen deutschlandweiten Kommunikation. Wollen wir in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werden? Wenn ja, brauchen wir ein starkes nationales Erscheinungsbild für all die einzelnen Kinder- und Jugendprojekte, die es da draußen in den Convivien dank einiger sehr engagierter Slow Food Mitglieder gibt. Überlegenswert auch die Idee, auf nationaler Ebene ein komplettes Trainingsprogramm mit einzelnen altersgerechten Modulen (vom Vorschulalter bis hin zu Jugendlichen) zu konzipieren und dieses Know-how den Convivien als Gerüst für ihre Arbeit vor Ort zur Verfügung zu stellen. Sowohl bei der Kommunikation als auch bei anderen Ideen wurde immer wieder zum Ausdruck gebracht, wie wichtig die Emotionalität uns Slow Food Mitgliedern ist. Mehrfach kam auch die Anmerkung, dass wir uns in der Fachkommission nicht nur auf die Kinder und Jugendlichen konzentrieren dürfen, sondern auch die Eltern und Erzieher mit ins Boot holen und mit unseren Aktivitäten ansprechen müssen. Denn was nützt das beste Kinder- und Jugendprojekt, in dem ein erster Funke bei den Teilnehmern gezündet hat, wenn danach das Umfeld der Kinder und Jugendlichen die Veränderungen nicht weiter trägt.
Schulverpflegung – auf dem Weg zu einem Slow Food-Kriterienkatalog?
Beim Gespräch zum Thema Schulverpflegung nahmen Gäste auf dem Podium Platz: Andreas Berns, Leiter eines Bio-zertifizierten Jugendgästehauses auf Schloss Weikersheim in Baden-Württemberg, Alexandra Liening, eine Ernährungswissenschaftlerin von der Vernetzungsstelle Schulverpflegung Thüringen sowie Andreas Mayrhofer vom Weimar, der mit dem Landrat des Saale-Orla-Kreises in Thüringen ein Projekt zur Verbesserung der Schulverpflegung initiiert hat. Moderator der sehr diskussionsfreudigen Runde war Andreas Eggenwirth, Leiter des Conviviums Frankfurt und Initiator von Jugendköche Deutschland. Natürlich ging es gleich um’s liebe Geld, wenn die Verbesserung der Schulverpflegung aufs Tablett kommt. Alexandra Liening berichtete, dass unter 2,50 Euro bis 3 Euro kein qualitativ hochwertiges 2-Gänge Essen zubereitet werden kann. In Thüringen liegt der Durchschnittwert, der noch akzeptiert wird jedoch aktuell bei 1,80 Euro. Alexander Mayrhofer steuerte bei, dass sicherlich ein Kostensenkungsfaktor sei, Fleisch zu reduzieren. Ganz wichtig war allen Podiumsteilehmern, regionale Produkte in die Schulverpflegung zu bekommen. Aber Augen auf bei der Auswahl, denn „nicht alles, was regional ist, ist gut. Es wird auch regionaler Mist produziert.“ merkte Mayrhofer treffend an. Hitzig diskutiert wurde die generelle Frage, ob wir einen Slow Food Kriterienkatalog für die Schulverpflegung brauchen. Gibt es nicht schon genügend davon wie z. B. von der DGE oder Optimix? Die Slow Food Fachkommission Kinder und Jugend wird sich in Zukunft mit diesem Thema auseinandersetzen. Andreas Eggenwirth regte an – darauf angesprochen von einer vorbildlichen Schulkantine in Hessen - ein Slow Food-Gütesiegel für herausragende Schulverpflegung ins Leben zu rufen. Auch hier waren die Meinungen dazu geteilt: Noch ein Gütesiegel? Und wenn ja - wer prüft das?
Fachkommissions-Leiter Walter Dieckmann musste die Diskussion aus Zeitgründen zu einem Schluss bringen: „Die Atmosphäre war aktiv, zugreifend, fordernd. Das wollen wir so bei Slow Food.“ Erster konkreter Schritt der Fachkommission „Kinder und Jugendliche“ ist eine nationale Bestandsaufnahme was alles schon in den Convivien läuft. Sie soll in den nächsten Wochen starten. Wir Teilnehmer aus München (Ritva Peitsara und Michaela Bogner) kommen mit neuer Motivation in unser Convivium zurück. Wir alle haben ein paar Adressen und Ansprechpartner mehr für einen informellen Austausch oder einen Rat, wenn es mal bei einem Projekt hakt. Von München aus ein herzliches „Vergelt’s Gott“ an Sebastian von Kloch-Kornitz und Thomas Pohler vom Convivium Weimar für die perfekte Organisation und große Gastfreundschaft. Wir hoffen auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr!
Ritva Peitsara und Michaela Bogner, Convivium München